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Forschungs- und Hochschulprojekte Winter 2003/04

Fachhochschule München "Frisches Denken für bessere Autos"

Wir treffen uns Samstagnachmittags in einem Seminarraum der Fachhochschule für Gestaltung in München. Für diese Zeit verabredet man sich im Grunde eher für ein Kaffekränzchen, wir bringen auf alle Fälle einen Schokoladenkuchen mit. Professor Othmar Wickenheiser hat uns aber nicht nur eine Tasse Kaffee versprochen, wir möchten uns in erster Linie über den Stand der Dinge gegen Ende des Wintersemesters erkundigen.

Dass an manchen Wochenenden das zweite Stockwerk in den Räumen der Hochschule in der Nähe des Olympiaparks stark frequentiert ist, wurde uns bereits in einem Vorgespräch angedeutet. Samstag und Sonntag erwarte einerseits die Familie die gesamte Aufmerksamkeit, erzählt Othmar Wickenheiser, auf der anderen Seite sei dies der geeignete Zeitrahmen, um sich in ungestörter Atmosphäre ohne Telefon und Verwaltungskram den Studierenden widmen zu können. Was in manchen Institutionen gut inszenierte Öffentlichkeitsarbeit vermuten lassen könnte, erweist sich am Lehrstuhl Wickenheiser als authentische Fullservice-Betreuung, von der man in Erinnerung an die eigene Studentenzeit nur träumen kann. An diesem Samstagnachmittag waren neben dem Professor noch zwei externe Fachbetreuer, selbst Absolventen der Hochschule, und zwei Designer der projektbegleitenden Adam Opel AG vor Ort. Alle nahmen sich ausführlich Zeit für die Arbeiten jedes einzelnen Studierenden, die sich auffälligerweise nicht aus einem bestimmten Jahrgang oder einem Semester rekrutierten, sondern ein recht buntes Gemisch aus Novizen, Fortgeschrittenen und Diplomanden bildeten.

Talent und Engagement des einzelnen Studierenden, nicht die Anzahl der Semester seien ausschlaggebend für einen guten Entwurf, betont Professor Wickenheiser mit einem Blick auf die quirlig konzentrierte Atmosphäre im Seminarraum direkt neben seinem Büro. Ein Thema dieses Wintersemesters ist die Entwicklung gestalterischer Ideen, die der projektbegleitende Industriepartner Opel mit seinem Slogan "Frisches Denken für bessere Autos" idealerweise in Verbindung bringen möchte. Der Designprozess ist vor diesem Hintergrund zunächst als Transfer von einer sprachlichen Perspektive in eine designadäquate, formale Umsetzung gekennzeichnet. Die Studierenden leiteten dabei vor dem eigentlichen Entwurf ihre Gestaltungsbezüge individuell zum jeweiligen Fahrzeugkonzept her. Verbindungen konnten beispielsweise in der Produktgeschichte des Herstellers oder in der Umwelt und Topografie der möglichen Fahrzeugnutzung gefunden werden. Die mit dem Claim der Rüsselsheimer verbundenen Attribute mussten dann in Linien und Flächen überführt werden. Konkret bedeutete dies für die Studierenden "frisches Denken" in einen Gestaltungsansatz zu übersetzen, von ersten Skizzen zu Beginn des Semesters bis hin zu perspektivischen Renderings, die heute Nachmittag unter Anleitung von Opel-Designern analysiert und besprochen werden.

Für den Partner Opel durften dabei völlig neue Fahrzeugsegmente angedacht werden, genauso gut konnten aber auch "mythische" Ikonen, wie der Opel GT, der bereits Mitte der sechziger Jahre als Studie und wenig später als Serienmodell für Furore sorgte, in das 21. Jahrhundert transportiert werden. Ausschlaggebend für die Entwicklung neuer formaler Ideen war für die Münchner Studenten nicht die Anlehnung an ein vorgegebenes, mögliches Marktsegment, sondern die freie Konzeption neuer Funktionalitäten, gerne abseits des existierenden Produktportfolios, frisches Denken eben. Aufgefallen sind uns dabei die bereits erwähnte Revitalisierung der GT-Idee von Wolfram Luchner, das Konzept eines zweisitziges Sportwagens mit ungewöhnlichen Ideen zum Transport sperriger Gegenstände von Moritz Martin und ein fulminantes Offroad Coupé von Thomas Stopka. Allesamt neue Ideen für den Blitz aus Rüsselsheim.

Othmar Wickenheiser weiß natürlich von der Problematik des Fahrzeugdesigns als Thema deskriptiver Verwirrung. Wie im Fußball fühlt sich jeder zu Kommentaren - quasi aus dem Bauch heraus - berufen. Dass Fahrzeuge genau genommen nicht durch "sportliche" oder "elegante" Linienführung gekennzeichnet sein können, erschließt sich im Grunde von selbst. Denn, mal ehrlich, wie sieht eigentlich eine "elegante" Linie aus? Vielmehr geht es bei der Designanalyse um die Aufteilung des Fahrzeugs in Formübergänge. Und die können vielfältiger Natur und höchst unterschiedlicher Qualität sein.

Die angehenden Industriedesigner müssen sich dabei ständig mit denkbaren, zukünftigen Veränderungen beschäftigen. Nicht nur die Technologie- und Materialentwicklung spielt eine wichtige Rolle, vielmehr gilt es, die Bedürfnisse, Wünsche und Wahrnehmungen der Produktnutzer zu antizipieren und in Bilder und Formen zu transferieren. Davon sehen wir hier auf alle Fälle eine Vielzahl interessanter Ansätze, zum Verzehr des mitgebrachten Kuchens sind wir dann gar nicht mehr gekommen, zu schnell war die Zeit bei der Besprechung der Arbeiten vergangen.



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